Sonntag, Mai 28, 2006

Vergangenheit wird leise zu Gegenwart

Ein seltsames Gefühl. Als ob sich alles wiederholte. Alles, was schon einmal war.
Gerade so, als sei man in einem Gestern in einen tiefen, an Bewusstlosigkeit grenzenden Schlaf gefallen und in einem Heute wieder erwacht. Da sind andere Menschen, aber sie machen die gleichen Dinge, sagen die gleichen Sätze, haben die gleichen Ziele.

So oder so ähnlich muss sich Toru Okada fühlen. Denn alles was er erlebt, was er sieht, hört und macht, ist schon einmal passiert. Nicht ihm und auch nicht absolut kongruent, doch Parallelen sind nicht zu leugnen.
Daher muss er weit in die Vergangenheit reisen um begreifen zu können, was gerade mit ihm und um ihn geschieht.

Da ist dieses Haus, das mit dem Aufziehvogel. Der Aufziehvogel, der jeden Tag auf ein Neues aufzieht und genauso plötzlich verstummt, wie Kumiko verschwindet.
Und schon ist Toru Okada mitten in der Vergangenheit, er weiß es nur noch nicht.
Denn der Aufziehvogel hat auch schon für andere geschnarrt. Für Zimt zum Beispiel oder für den jungen japanischen Soldaten, der später in einem Bergwerk von einem Aufseher mit der Schaufel erschlagen wird.

Und da ist der Brunnen bei diesem Haus. Er führt schon lange kein Wasser mehr, wie auch schon lange niemand mehr in dem Haus wohnt. Doch selbst wasserlos wird der Brunnen zur Oase, zu einem spirituellen Ort. Erst für Leutnant Mamiya und Jahrzehnte später für Toru Okada.

Da gibt es auch dieses Mal. Blauschwarz leuchtet es auf der Wange von Muskats Vater. Wieder sind es Jahrzehnte, die dieses Mal von jenem auf Toru Okadas Wange trennen. Doch dazwischen ist Muskat. Eine Frau, die eine Gabe besitzt. Sie kann das „Etwas“ in Menschen fühlen und es besänftigen. Toru Okada kann das auch - seit er das Mal besitzt.
Zur Erholung steigt er in den Brunnen.

Auch den meisten anderen Figuren des Romans muss dieses Gefühl nur allzu bekannt sein.
Dieses Wiederaufleben der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die die Gegenwart, ja selbst die Zukunft zu überrennen vermag.
Kumiko verschwindet plötzlich, der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit. Sie dachte dieses Etwas loswerden zu können, ihm davon rennen zu können, indem sie Toru Okada liebt und heiratet. Indem sie mit ihm ein ganz normales Leben führt, fernab von allem, was damals war.
Doch Geschehenes holt sie ein und entreißt ihr die Kontrolle über ihr Leben. Doch auch als das überwunden scheint – mit Hilfe Torus und seiner bewusstlosen, übernatürlichen Fähigkeiten – ist es nicht vorbei. Denn es gibt keine gemeinsame Zukunft für Kumiko und Toru.

Toru Okada verkörpert Muskats Vergangenheit gleich mehrfach: er besitzt die gleiche Gabe wie sie und sein Gesicht ist durch das gleiche Mal gezeichnet, wie das Gesicht ihres Vaters.

Noboru Wataya ist der Schlüssel. Zu allem.
Die gegenwärtige Geschichte nimmt ihren Lauf als der nach Noboru Wataya benannte Kater verschwindet. Und sie endet dann, wenn der echte Noboru Wataya stirbt.
Noboru Wataya macht die Menschen um sich herum zu dem, was sie sind. Kreta Kano, Kumiko, die gemeinsame jüngere Schwester, Toru Okada. Sogar die Menschen in Toru Okadas bewusstlosen Träumen sind von Noboru Wataya beherrscht.

Schließlich ist es auch ein Traum Toru Okadas, der Noboru Wataya auf geheimnisvolle Weise ein Ende setzt. Und zugleich allem anderen. Seine wie auch immer geartete Beziehung zu Zimt und Muskat, Kreta und Malta, seine Leben mit und ohne Kumiko.

Nur May Kasahara bleibt. Sie übersteht alles, ist immer gegenwärtig, auch wenn sie weit weg ist. Sie ist nur ein junges, verwirrtes Mädchen, das nicht weiß wohin mit sich, und schon gar nicht warum.
Aber sie hilft Toru Okada auf eine verquere und oftmals ganz und gar nicht nachvollziehbare Art und Weise. Sie und der zurückgekehrte Kater, der jetzt Oktopus heißt, sind die einzigen Konstanten, die Toru Okada in all dem turbulenten Chaos noch bleiben.

So könnte man ewig weiter vergleichen, vor- und zurückgreifen, Parallelen erstellen, noch auf die anderen Bücher Murakamis eingehen.
Man könnte versuchen all diese verschlungenen Linien auseinander zu zerren um ein Ergebnis, eine Lösung zu erreichen.
Doch es gibt keine Lösung. Murakami selbst lässt seinen Roman irgendwie unvollendet. Alles spitzt sich immer weiter zu, die Spannung steigt dramatisch, wenn auch eher subtil als offensichtlich.

Und dann ist das Buch einfach zu Ende.

Quellen:

http://www.imipolex-g.de/images/aufziehvogel.jpg

Freitag, Mai 19, 2006

Das Land des Lächelns

Am Wochenende war ich auf Heimatbesuch und meine Schwester, die Buchhändlerin ist, brachte mir einige Bücher über Japan zur Ansicht mit.
Eines davon - es nennt sich Reiseführer, ist meines Erachtens aber eher eine Einführung in die japanische Kultur und Gesellschaft - hat es mir dann doch sehr angetan, der Preis hingegen so gar nicht.
Also hab ich es meiner Schwester wieder mitgegeben, nicht jedoch ohne den halben Sonntag darin herumzublättern und mir natürlich die notwendigen Daten zu notieren, um es hier korrekt aufführen zu können.

Wie ich so durch das Buch geblättert habe fiel mir immer wieder auf, dass von Lächeln und Lachen die Rede war.
In Japan wird nicht gelächelt oder gelacht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit und schon gar nicht, wenn Ausländer zugegen sind.
Lachen ist ein Zeichen dafür, dass man sich nicht unter Kontrolle hat, und nichts, aber auch gar nichts ist in Japan wichtiger als die eigene Präsentation nach außen hin.
Immer schön ernst und ruhig, bloß nicht auffallen.
Ebendieser Ansatz wird auch in der Erziehung verfolgt. Der Reiseführer beschreibt hierfür eine Szene in einem Restaurant. Wenn die Kinder schlechte Manieren an den Tag legen, werden sie schlichtweg ignoriert. Aufmerksamkeit wird ihnen nur zuteil, wenn sie sich gut benehmen.




"Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen"

Ganz im Gegenteil in unserer Kultur. Sind deutsche Kinder in der Öffentlichkeit laut und fallen auf, werden sie entweder ausgeschimpft oder mit Gummibärchen und Schokolade bestochen.
Auch kann man auf europäischen Straßen tagtäglich die unterschiedlichsten Emotionen beobachten. Lachende Menschen jedglichen Alters, streitende, weinende, griesgrämige, wütenende, verunsicherte, gelangweilte, überglückliche, schelmische oder gestresste Gesichter. Sie sind überall anzutreffen, kaum einer versteckt seine Emotionen in der Wohnung.
Japaner tun dies. Das eigene Innenleben geht niemanden was an, schon gar nicht den Passanten auf der Straße.

Bei geschäftlichen Meetings wird Lachen zu einem ernstzunehmenden, interkulturellen Problem: der Versuch die geschäftliche Atmosphäre scherzhaft aufzulockern, zieht bei Japaner nicht. Geschäft ist Geschäft. Da gibt es nichts zu lachen.

An dieser Stelle sei nochmals der Prof genannt, der sagte:
"Japaner lachen über etwas anderes als wir."
Auch das erklärt der Reiseführer in wenigen Worten.
Japaner halten Wortwitze für das einzig Wahre. Sie sind schön einfach, jeder kann sie gleich kapieren und spontan (!) sind sie auch noch.
Über einen langen Witz, dessen Pointe man nur durch nachdenken als lustig empfindet, lachen Japaner nicht. Lachen ist eine Freizeitbeschäftigung, da wollen sie nicht nachdenken müssen.

Klar lachen auch wir über Wortwitze, aber ist es nicht eher angesehen, wenn man einen Witz mit Hintergedanekn bringt?
Als Beispiel dafür ein Witz aus dem aktuellen Kinofilm "Das Leben der anderen":
>>Erich Honecker steht frühmorgens in seinem Büro am Fenster und begrüßt die Sonne: "Hallo liebe Sonne"
Diese grüßt zurück: "Guten Morgen lieber Erich"
Mittags steht Honecker wieder am Fenster: "Schönen Mittag liebe Sonne", wieder antwortet sie: "Schönen Mittag lieber Erich!"
Am Abend, die Sonne ist schon fast untergegangen, geht Honecker wieder ans Fenster: "Guten Abend liebe Sonne". Keine Antwort. Also nochmals "Guten Abend liebe Sonne", noch immer keine Antwort.
Honecker versteht das nicht und sagt: "Also Sonne, ich hab dir doch gerade einen schönen Abend gewünscht!" Da antwortet die Sonne: "Du kannst mich mal, ich bin jetzt im Westen!"<<


Nun, rein von der Thematik her mag dieser Witz nicht unbedingt angesehen sein, aber ich hoffe damit diesen kleinen aber feinen Unterschied zwischen uns und den Japanern deutlich machen zu können.

Aber um dem Eindruck entgegen zu wirken, der hier entstehen könnte - Japaner seien Muffel, die nie lachen - sei gesagt, dass Japaner sehr gerne und auch sehr viel lachen. Nur eben nicht in der Öffentlichkeit und über anderes als wir.

Quellen:

Thomas, K./Haschke, B.(2005): Reisegast in Japan.
Iwanowski´s Reisebuchverlag (4.Auflage).

http://www.vaeternotruf.de/drei-affen.jpg

http://www.iwanowski.de/images/titles/Gross/Japan_RG.jpg

Sonntag, Mai 14, 2006

Shincha! Shincha! Shincha!

Nachdem ich in meinen ersten beiden Blogs eher so vor mich hin geschrieben habe, möchte ich jetzt endlich von dem was-mir-so-alles-zu-Japan-einfällt-Geplätscher absehen und über eine konkrete Sache schreiben.
Und was läge für mich näher als über Tee zu schreiben? Schließlich verdiene ich mein Geld teeverkaufenderweise und mein Blog hört auf den gleichen Namen wie ein sehr hochwertiger japanischer Grüntee.

Es gibt genau zwei Teepflanzen: die thea/camellia assamica und die tanninärmere (Tannine sorgen für herben Geschmack) und daher für Grüntee genutzte thea/camellia sinensis.

Die frisch gepflückten Blätter werden nach der Ernte entweder geröstet oder gedämpft. Dieser Vorgang verhindert die Fermentation, die dem Schwarztee seinen ganz eigenen Charakter verleiht.
In Japan wird der Tee traditionell qua Dampf erhitzt, in China ist Rösten (auf riesigen Woks) die übliche Vorgehensweise – darauf sind die unterschiedlichen Charaktereigenschaften der japanischen und chinesischen Grüntees zurückzuführen: japanischer Tee ist kräftig, grasig und heuig, wohingegen chinesischer Grüntee aromatischer, rauchig und etwas milder im Geschmack ist.
Ist der Vorgang des Erhitzens abgeschlossen wird den Blättern (in Japan) in Heißluftröhren die Feuchtigkeit entzogen. Dadurch wird das Blatt geschmeidiger, denn nun folgen mehrere Roll- oder auch Knetvorgänge. Diese verleihen dem Tee sein tannennadelförmiges Aussehen und bewirken das Aufbrechen der Zellen (Fermentation setzt aber nicht ein, da ja erhitzt).

Der Tamaryokucha zeichnet sich nun dadurch aus, dass der letzte Rollvorgang weggelassen wurde und die Pflanzen die letzten Wochen vor der Ernte mit Planen überdeckt wurde (Schatten- und Halbschattentees sind eine nur in Japan zu findende Spezialität). Das Beschatten des Tees bewahrt den Blättern einen höheren Theanin- und einen niedrigeren Catechingehalt. Da Catechin ein Tannin ist und Tannine, wie oben genannt für herben Geschmack sorgen, ist der Tamaryokucha lieblicher als z.B. ein gewöhnlicher Sencha einfacher Qualität.
Durch das Weglassen des letzten Rollvorganges werden zusätzlich noch bestimmte Inhaltsstoffe erhalten, die für einen sehr aromatischen Geschmack sorgen.

Daran erkennt man recht eindrücklichen welch hohen Stellenwert Tee in Japan besitzt. Von der fast liebevollen Art der Verarbeitung über die behutsame Zubereitung bis hin zur Euphorie, die ob der allerfrischesten Ernte ausbricht. Shincha!


Shincha wird in Japan fast wie ein Heiligtum verehrt. Schließlich bedeutet es den Beginn des Verkaufes der frischen Grüntee-Ernte. Die allererste des Jahres!

Schon zu nachtschlafender Zeit werden die Teeverkäufer mit gigantischen Massen an Shincha beliefert, denn mit dieser ersten Pflückung im Jahr machen sie das Hauptgeschäft. Und je früher man an den Tee rankommt, desto mehr Auswahlmöglichkeit hat man noch zwischen den verschiedenen Teegärten.
Auf den Preis wird dabei kaum geachtet, es geht nur darum den allerbesten Tee zu ergattern – koste es was es wolle!

Kaum öffnen die Geschäfte früh am Morgen, schallt es durch die Straßen: Shincha! Shincha! Shincha! Der neue Tee ist da!
Es ist ein riesiges Fest, dem man sich kaum entziehen kann, da es ja auf den Straßen und in den Läden stattfindet.

Eine solche Reaktion ist in Europa wohl kaum zu erwarten. Es würde doch als sehr komisch empfunden, wenn die Bewohner Münchens vor Freude durch die Straßen ihrer Stadt taumeln, nur weil eine neue Ladung frischgebrautes Bier auf den Markt kommt. Augustiner! Augustiner! Augustiner!


Quellen:

Broschüre "Grüner Tee Weißer Tee" von TeeGschwendner

Teeliste, Ausgabe 38, von TeeGschwendner

http://images.google.de/images?q=tbn:8-Ig9Q04DjfTGM:www.chamurietei.co.jp/shopping/image

Montag, Mai 08, 2006

Japan ist überall

Japan ist überall…

Seit Cyberfictions 2.0 am laufen ist, hab ich – ob ich wollte oder nicht – meine Antennen ausgefahren. Jene, die auf Japan und alles was damit zu tun hat, reagieren.
Nicht eben erfolglos.
Selbst wenn mir etwas in die Augen springt, das auf den ersten Blick so gar nichts mit Japan zu tun haben will, so ist es oft nicht allzu schwer, es irgendwie damit in Verbindung zu bringen.

Bei jetzt.de finde ich einen Artikel über die japanische Version des Verliebens und die Vorliebe der Japaner für blutgruppenfreundliche Kondome.
Jawohl: Japaner halten die Blutgruppe für ein relevantes Kriterium der Partnerwahl. Damit´s im Bett noch prickelnder wird (unter der Voraussetzung, dass man die passende Blutgruppe als Partner hat), wurden Kondome für die verschiedenen Blutgruppen entwickelt, die dann aber auch nur bei der jeweiligen ihren vollen Effekt entfalten können.
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/297396

Stöbere ich meine Vorräte an Musik durch, stoße ich hier und da auf Lieder, die auf Japan bezogen sind. So covern zum Beispiel Incubus „Turning Japanese“ von The Vapors.
Im Bereich der elektronischen Musik begegnet man sowieso ganz unweigerlich Japanern und japanisch anmutenden Namen (Kabuki, The Sushi Club, Hiroshima usw.).

Laufe ich durch die Straßen irgendeiner Stadt begegnen mir scharenweise junge Frauen mit schwarz gefärbten, glatten Haaren mit strengem Pony – was mich stark an die japanische Kopfmode erinnert.
Auch die schrillbunten Klamotten, die gerne in unmöglichsten Kombinationen (sei es Farb- oder Musterzusammenstellung) getragen werden, lassen sich meines Erachtens mit der Mode Japans in Verbindung setzen.
Allein schon „Hello Kitty“ und ähnliche auf Shirts und Taschen abgedruckte Mädchen mit großen, dunklen Kulleraugen sind Zeichen dafür.
Junge Modemarken wie „Blutschwester“ lassen sich von japanischen Mangas inspirieren und creieren derartige Mode.

Auch in der Uni lässt mich Japan nicht in Ruhe. Ein Prof war während der Semesterferien in Asien, der nächste sagt: „Japaner lachen über anderes als wir“ um einen Gedanken Foucault´s zu erläutern.
Zumal mir seither noch mehr japanische Studenten auffallen als bisher…

All diese Dinge sind ja nun mehr oder minder Aufzählungen, doch ich hoffe anhand mindestens einer dieser Anhaltspunkte eine Orientierung für meine Suche zu finden. Denn irgendwie treibe ich nur so ein bisschen auf der Oberfläche rum und weiß nicht wirklich, wie ich tiefer gehen soll…

Selbst Haruki Murakami ist mir keine große Hilfe. Vor dem Kurs hatte ich zwar schon mal von diesem tollen japanischen Schriftsteller, der in aller Munde ist, gehört, aber gelesen hatte ich bis dato noch nichts.
Und jetzt, gen Ende von Mr. Aufziehvogel muss ich sagen: Tolle Geschichte, tolles Buch. Aber so arg anders ist das gar nicht. Ein relativ normaler Um-die-dreißig-jähriger in einer ziemlich normalen Ehe, in einem ganz normalen Haus, mit einem ganz normalen aber aufgegebenen Job, der ziemlich normale Mahlzeiten zu sich nimmt und ganz normales Bier trinkt. Zugegeben, dieses Normalsein ändert sich im Laufe des Buches, jedoch nicht so, dass ich es unabänderlich mit Japan in Verbindung bringen muss.

Mal schauen was zukünftige Murakami-Lektüre so mit sich bringt…