Montag, Juni 19, 2006

Mord am Fujiyama

„Jedes Jahr Anfang Januar findet in der malerisch gelegenen Villa von Yohei ‚Großvater’ Wada am Fuß des schneebedeckten Fujiyamas das Familientreffen der schwerreichen Wadas statt. Außer den engsten Familienmitgliedern ist diesmal auch die amerikanische Studentin Jane Prescott anwesend. Jane gibt der 22-jährigen Chiyo, Yoheis Großnichte, Nachhilfe in Englisch und soll ihr über die Neujahrsferien bei der Diplomarbeit helfen. Neugierig auf die Traditionen und Gepflogenheiten einer angesehenen japanischen Familie hat Jane zugesagt.
Doch bald wird das Familienfest jäh gestört: Während einer abendlichen Teestunde zerreißt ein Schrei die beschauliche Stille und Chiyo stürzt mit blutverschmierten Kleidern und Händen in den Raum. Völlig aufgelöst behauptet sie, Yohei erstochen zu haben – aus Notwehr, denn der alte Mann habe versucht sie zu vergewaltigen. Sofort greift der Mechanismus des Familienschutzes. Auf höchst raffinierte Weise werden falsche Spuren gelegt, die auf einen Raubmord hindeuten sollen. Jane glaubt jedoch nicht recht an Chiyos Schuld, stellt heimlich eigene Ermittlungen an. Und während die Polizei scheinbar zufällig doch noch auf Hinweise stößt, die ganz eindeutig Chiyo belasten, fragt sich Jane, wer ihre junge Schülerin als Schuldige sehen will und was wirklich an jenem Abend passiert ist…“

So der Klappentext von „Mord am Fujiyama“, ein Kriminalroman der japanischen Autorin Shizuko Natsuki.
Ich bin beim dritten Kapitel, der Mord ist gerade geschehen, die ersten Schritte sind unternommen, um Chiyo zu schützen.

„Allerdings ist in Japan die Familie immer noch ein Ort, an dem man sich gehen lassen, vom anstrengenden öffentlichen Alltag erholen kann. Die Familie schenkt jedem einzelnen Mitglied Halt und Sicherheit.“ (http://home.arcor.de/HinagikusPage/japan5.html)

So ist das doch auch in Deutschland, würden die meisten sagen.
Doch bedeutet Familie in Deutschland dasselbe wie in Japan?

Wenn ich von meiner Familie spreche, meine ich meine Eltern, meine zwei Geschwister und mich: zwei Generationen.
In Japan hingegen besteht die Familie aus mehr als nur zwei Generationen. Die Großeltern nehmen einen sehr wichtigen Platz in der japanischen Familienhierarchie ein, vor allem der Großvater.
Von ihm geht alles aus, er ist das Oberhaupt.
Das liegt zum einen darin begründet, dass männliche Nachkommen einer Familie sowieso eine Vorzugsstellung genießen, schließlich sorgen sie für den Erhalt der Ahnenreihe.
Zum anderen herrscht in Japan ein ganz anderes Verständnis von Alter als in Deutschland.
Während der gemeine Deutsche den Rentner als Belastung seines ohnehin schon leeren Geldbeutels sieht, wird der japanische Greis als Inbegriff der Weisheit angesehen.

Ob Shizuko Natsuki diesem Bild gerecht wird, kann man nur teilweise feststellen, da der Großvater schon im zweiten Kapitel sterben muss.
Doch immerhin bekommt man noch mit, dass er die Verantwortung dafür trägt, mit wem die weiblichen Mitglieder der Familie (um genau zu sein Chiyo) verheiratet werden.

„ ‚Worüber wollte Großvater mit dir sprechen?’ […] ‚Hauptsächlich ging es darum, dass wir uns langsam Gedanken machen müssten, wen ich heiraten würde wenn ich das Examen hinter mir habe’ “ (Natsuki 1991: 36)

In einer heutigen europäischen Familie undenkbar, selbst Sprösslinge eines Königshauses heiraten heutzutage aus Liebe, nicht mehr nur aus politischem Kalkül.

Und wie sieht es bei Murakami mit der Familie aus?
Auf den ersten Blick könnte man sagen, Murakamis Romane vernachlässigen das traditionelle Familienbild Japans.
Doch in ‚Mr. Aufziehvogel’ gibt es sehr wohl einige wenige Hinweise darauf.

Herr Honda ist das Beispiel für einen alten, ehrwürdigen Mann, dem viel Weisheit nachgesagt wird. Toru und Kumiko Okada verkörpern in Beziehung zu ihm den modernen Japaner, der an so etwas nur noch bedingt glaubt, es aber nicht mehr als selbstverständlich und unabänderlich wahr annimmt.

Noboru Wataya thematisiert die nach Geschlecht und Alter aufgebaute Hierarchie japanischer Familien. Als großer Bruder ist er die rechte Hand des Vaters und hat mehr Sagen als die eigene Mutter.

Gegenbeispiel ist May Kasahara. Sie macht was sie will, ihre Eltern scheinen für sie gar nicht zu existieren. Zumal in Japan die Bildung der Nachkommen das erste und einzige Gut ist, und mit einer fast unnatürlichen Gewissenhaftigkeit betrieben wird. May Kasahara aber hat die Schule geschmissen und sonnt sich lieber in knappen Bikinis auf dem Liegestuhl.

Auch Zimt und Muskat kann man als gegenteiliges Beispiel betrachten. Wenn überhaupt, ist eine Hierarchie nur mit der Mutter an der Spitze zu erkennen. Doch eher noch befinden beide sich in einem Einklang der Gleichberechtigung.

Diesen Aspekt er Familie – Hierarchisierung nach Geschlecht und Alter – findet man in europäischen Familien nur noch rudimentär.
Abgesehen davon, dass es heute unglaublich viele allein erziehende Mütter gibt, die keine andere Wahl haben als für die Familie zu sorgen, Geld zu verdienen und alles zusammen zu halten, ist die Rolle des Mannes in intakten Familien als Oberhaupt und ‚Familienvorstand’ in den Hintergrund geraten.
Frauen verdienen ebenso ihr Geld wie ihre Männer es tun. Die Kinder sind oftmals eher auf die Mutter ausgerichtet, ihr wird nicht einfach nur die Erziehung ‚überlassen’, sie stellt meist die erste Bezugsperson für ein Kind dar.
Auch der älteste Sohn musste sein Stellung an der Seite des Vaters einbüßen. In manchen Familien mag die Vorzugsstellung des Sohnes noch subtil vorhanden sein, doch allgemein betrachtet herrscht eine Ausgewogenheit der Geschlechter.

Nicht Alter und Geschlecht sind länger der Maßstab. Der Mensch an sich, sein Charakter, seine Persönlichkeit sind in den Vordergrund getreten.
Selbst im modernen Japan vollzieht sich ein Wandel in diese Richtung, allerdings ist der Hierarchisierungsgedanke dort noch so sehr verwurzelt, dass es noch nicht ganz so einfach ist, wie in Europa.

Buch:

Natsuki, S. (1991): Mord am Fujiyama.
Wilhelm Goldmann Verlag, München.

Quellen:

http://www.uchiyama.nl/Images/keizerfam2.jpg

http://www.wdr.de/themen/panorama/15/sinterklaas/_img/familie_400q.jpg

http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila/142_45868_rs_31420.jpg

Montag, Juni 12, 2006

Ein friedliches Dorf in Japan. Kinder spielen auf dem Platz, Bauern bestellen ihre Felder und alles scheint in bester Ordnung.
Mit einem Mal kommt Bewegung in den angrenzenden Wald. Ein offensichtlich riesiges Etwas bewegt sich rasend schnell auf die Idylle zu.
Je näher es kommt, desto größer und bedrohlicher wirkt es.

Plötzlich bricht es zwischen den Bäumen hervor.
Ein riesenhaftes Wesen, dass nur aus schleimigen, schwarz-roten Würmern und glühend roten Augen besteht, rast auf das Dorf zu. Auf seinem zerstörerischen Weg durch die Wiesen, wo es eine schwarze, verkohlte Spur hinterlässt, verändert das Monster mehrmals seine Form. Vom Käfer zur Spinne zum Wildschwein.

Prinz Ashitaka springt wagemutig auf seinen roten Elch Yakul und reitet dem Monster entgegen. Es gelingt ihm einen Pfeil direkt in eines der unheimlichen roten Augen zu schießen und somit das Monster zu Boden zu bringen und seine Schwester und die restlichen Dorfbewohner zu retten.

Doch der Kampf hat seine Spuren hinterlassen. Für einen kurzen Moment hatten die blutegelartigen Würmer Ashitakas Arm umwunden. An dieser Stelle ist nun ein schwarz-rotes Mal.
Noch geht es ihm gut, doch Ashitaka wird sterben, wenn er nicht das findet und tötet, was den Dämon zu einem solchen gemacht hat.
Und so beginnt seine Reise in den großen, magischen Wald. Zu Wölfen, Wildschweinen, Dämonen, Waldgeistern und dem „forest spirit“.

Es ist eine spannende, dramatische und seltsam magische Geschichte in der viel Blut fließt und viele übernatürliche Dinge vor sich gehen.
Es ist die Geschichte vom immer wieder thematisierten Kampf zwischen Menschheit und Natur, zwischen Normalsterblichem und Übermenschlichem, zwischen Liebe und Hass.

Es geht um etwas Fremdes, dass in eine alte Ordnung eintritt und sie zum Bösen wendet. Hier durch eine Kugel dargestellt, die ein Wildschwein des im großen Wald ansässigen Wildschweinstammes zu dem schwarz-roten Blutegel-Dämon werden ließ.

Und hier drängt sich der Zusammenhang zu den von Jörg Buttgereit vorgestellten Filmen förmlich auf. In den Trailern konnte man mehr als einmal sehen, dass Godzilla – in welcher Form auch immer – nicht einfach ein Monster ist, das auf einmal da war. Nein, er erscheint aufgrund menschlichen Fehlverhaltens.
Sei es das Abgas- bzw. Müllmonster, oder in Anspielung auf Frankenstein vom Menschen selbst erschaffene Kreaturen, oder aber die Mutation eines eigentlich harmlosen Wesens durch menschliches Einwirken.

Und Murakami?
Auch hier findet man Verbindungen, wenn auch wesentlich weniger offensichtliche.
In „Wilde Schafsjagd“ gibt es den im Inneren ausgetragenen Kampf zwischen dem Schaf mit dem Stern auf dem Rücken und nacheinander drei Männern, bis einer es schließlich besiegen kann.
Hier siegt das Normalsterbliche über das Übernatürliche.

Auch in „Mr. Aufziehvogel“ gibt es Übernatürliches und Dämonisches. Es ist dieses Etwas, das z.B. in Kreta Kano haust.
Und es sind diese Übergänge Toru Okadas in eine andere Welt, in die Traumwelt, die aber doch sehr real scheint.
Und es ist in gewisser Weise auch Boris der Menschenschinder, der getreu seinem Namen die unmenschlichsten, zum Tode führenden Foltermethoden an ihm im Wege stehenden Menschen ausführen lässt.
Es ist auf jeden Fall Noboru Wataya: er bringt alles durcheinenander. Das Leben der Okadas, das Leben Kreta Kanos und auch das seines Sekretärs.

So sehr ich beim Lesen der Bücher auch erst dachte, die Geschichten könnten genau so gut in jedwedem europäischen Land oder in den USA spielen, so sehr würde ich das nun verneinen.
Indem die Erzählungen in Japan angesiedelt sind, kann ich den Inhalt und die Vorkommnisse als selbstverständlich hinnehmen, weil derlei Dinge einfach in der japanischen Kultur verankert sind. Übernatürliches, Dämonisches, Magisches und immer wieder die Verarbeitung des Atombombentraumas.
In einem anderen als einem japanischen Plot würde eine solche Thematik eher lächerlich wirken.

Bei Murakami passt es ganz einfach.



Da ich ganz offensichtlich keine Bilder mehr hochladen kann, stell ich einfach nur die links rein:

http://ia.imdb.com/media/imdb/01/I/15/75/43m.jpg

http://images.google.de/images?q=tbn:_7NPkPh3fvE1pM:www.maiken2051.com/images/cropped/Forest%2520Spirit.jpg

http://images.google.de/images?q=tbn:xFJkcL4dTHVRSM:retro-park.de/mononoke/pics/11.jpg

http://images.google.de/images?q=tbn:12sSywzqPqX07M:www.stomptokyo.com/img-m2/son-godzilla-e.jpg

http://images.google.de/images?q=tbn:4kZWNYWyCGc6pM:www.otsue.jp/images/gallery/shamisen.jpg

Montag, Juni 05, 2006

Von Katzen, Fischen und Freiseelen

Katzen sind Kult. In Europa und in Japan.
In meiner Familie und in Murakamis Romanen.
Doch dieser Kult wird überall anders praktiziert.
Murakamis Katzen heißen wie Fische: Oktopus oder Bückling. Sie haben abgeknickte Schwanzspitzen und haben für ihre Besitzer mehr Bedeutung als einfach nur „Haustier“.
Klar, mein Kater, der eigentlich Toulouse heißt, den ich so aber nie nenne, ist für mich auch mehr als nur ein Haustier. Aber er bedeutet für mich etwas anderes als der Kater Noboru Wataya, der spätere Oktopus, für Kumiko und Toru Okada. Oder aber Bückling für den Protagonisten aus „Wilde Schafsjagd“.
Mein Katerle ist sowas wie ein Kumpel für mich, bleibt dabei aber immer noch Kater. Wenn ich genug von ihm hab, setz ich ihn einfach vor die Tür.
Das würde Murakamis Figuren wahrscheinlich niemals auch nur entferntesten einfallen. Deren Kater sind Verwandte, mit ihnen verbundene Seelen.
Wie sonst lässt sich erklären, dass mit Kater Noboru Watayas Verschwinden etwas in Kumiko ausgelöst wird, warum sonst sollte sie so sehr darauf beharren, ihn wiederzufinden?
Warum sonst instruiert der namenslose, junge Mann aus „Wilde Schafsjagd“ einen eigentlich völlig fremden Menschen derart detailliert, wie er während seiner Abwesenheit den altersschwachen Kater zu umsorgen hat?
Diese Kater sind Teil der Menschen, ohne ihre Kater fehlt ihnen etwas ganz Bedeutendes, aber im Prinzip Unbenennbares.
Aber dieses Etwas sind sie nicht von Anfang an, sie werden erst dazu. Dafür spricht auch die Tatsache, dass beide Kater anfangs keine Namen haben und schlicht 'Kater' genannt werden. Im Laufe der Romane entwickeln sie Persönlichkeit (eher in Aufziehvogel als in Schafsjagd), gewinnen an Bedeutung und: bekommen einen Namen.

Als mein erster Kater starb war ich sehr traurig. Doch nach schon sehr kurzer Zeit konnte ich darüber nachdenken, mir einen neuen Kater zuzulegen. Das ist wohl auch so ein Unterschied: ich lege mir einen Kater zu, wie ich mir eine neue Hose kaufe, oder die Milch, die ich für den Kaffee brauche. Murakamis Kater werden in bedeutsamen, unvergesslichen Momenten gefunden und liebevoll aufgenommen. Als wären sie das Ergebnis einer langen Suche nach Etwas, das die Suchenden selbst noch nicht kennen – eine zweite Seele?