Vergangenheit wird leise zu Gegenwart
Ein seltsames Gefühl. Als ob sich alles wiederholte. Alles, was schon einmal war.
Gerade so, als sei man in einem Gestern in einen tiefen, an Bewusstlosigkeit grenzenden Schlaf gefallen und in einem Heute wieder erwacht. Da sind andere Menschen, aber sie machen die gleichen Dinge, sagen die gleichen Sätze, haben die gleichen Ziele.
So oder so ähnlich muss sich Toru Okada fühlen. Denn alles was er erlebt, was er sieht, hört und macht, ist schon einmal passiert. Nicht ihm und auch nicht absolut kongruent, doch Parallelen sind nicht zu leugnen.
Daher muss er weit in die Vergangenheit reisen um begreifen zu können, was gerade mit ihm und um ihn geschieht.
Da ist dieses Haus, das mit dem Aufziehvogel. Der Aufziehvogel, der jeden Tag auf ein Neues aufzieht und genauso plötzlich verstummt, wie Kumiko verschwindet.
Und schon ist Toru Okada mitten in der Vergangenheit, er weiß es nur noch nicht.
Denn der Aufziehvogel hat auch schon für andere geschnarrt. Für Zimt zum Beispiel oder für den jungen japanischen Soldaten, der später in einem Bergwerk von einem Aufseher mit der Schaufel erschlagen wird.
Und da ist der Brunnen bei diesem Haus. Er führt schon lange kein Wasser mehr, wie auch schon lange niemand mehr in dem Haus wohnt. Doch selbst wasserlos wird der Brunnen zur Oase, zu einem spirituellen Ort. Erst für Leutnant Mamiya und Jahrzehnte später für Toru Okada.
Da gibt es auch dieses Mal. Blauschwarz leuchtet es auf der Wange von Muskats Vater. Wieder sind es Jahrzehnte, die dieses Mal von jenem auf Toru Okadas Wange trennen. Doch dazwischen ist Muskat. Eine Frau, die eine Gabe besitzt. Sie kann das „Etwas“ in Menschen fühlen und es besänftigen. Toru Okada kann das auch - seit er das Mal besitzt.
Zur Erholung steigt er in den Brunnen.
Auch den meisten anderen Figuren des Romans muss dieses Gefühl nur allzu bekannt sein.
Dieses Wiederaufleben der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die die Gegenwart, ja selbst die Zukunft zu überrennen vermag.
Kumiko verschwindet plötzlich, der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit. Sie dachte dieses Etwas loswerden zu können, ihm davon rennen zu können, indem sie Toru Okada liebt und heiratet. Indem sie mit ihm ein ganz normales Leben führt, fernab von allem, was damals war.
Doch Geschehenes holt sie ein und entreißt ihr die Kontrolle über ihr Leben. Doch auch als das überwunden scheint – mit Hilfe Torus und seiner bewusstlosen, übernatürlichen Fähigkeiten – ist es nicht vorbei. Denn es gibt keine gemeinsame Zukunft für Kumiko und Toru.
Toru Okada verkörpert Muskats Vergangenheit gleich mehrfach: er besitzt die gleiche Gabe wie sie und sein Gesicht ist durch das gleiche Mal gezeichnet, wie das Gesicht ihres Vaters.
Noboru Wataya ist der Schlüssel. Zu allem.
Die gegenwärtige Geschichte nimmt ihren Lauf als der nach Noboru Wataya benannte Kater verschwindet. Und sie endet dann, wenn der echte Noboru Wataya stirbt.
Noboru Wataya macht die Menschen um sich herum zu dem, was sie sind. Kreta Kano, Kumiko, die gemeinsame jüngere Schwester, Toru Okada. Sogar die Menschen in Toru Okadas bewusstlosen Träumen sind von Noboru Wataya beherrscht.
Schließlich ist es auch ein Traum Toru Okadas, der Noboru Wataya auf geheimnisvolle Weise ein Ende setzt. Und zugleich allem anderen. Seine wie auch immer geartete Beziehung zu Zimt und Muskat, Kreta und Malta, seine Leben mit und ohne Kumiko.
Nur May Kasahara bleibt. Sie übersteht alles, ist immer gegenwärtig, auch wenn sie weit weg ist. Sie ist nur ein junges, verwirrtes Mädchen, das nicht weiß wohin mit sich, und schon gar nicht warum.
Aber sie hilft Toru Okada auf eine verquere und oftmals ganz und gar nicht nachvollziehbare Art und Weise. Sie und der zurückgekehrte Kater, der jetzt Oktopus heißt, sind die einzigen Konstanten, die Toru Okada in all dem turbulenten Chaos noch bleiben.
So könnte man ewig weiter vergleichen, vor- und zurückgreifen, Parallelen erstellen, noch auf die anderen Bücher Murakamis eingehen.
Man könnte versuchen all diese verschlungenen Linien auseinander zu zerren um ein Ergebnis, eine Lösung zu erreichen.
Doch es gibt keine Lösung. Murakami selbst lässt seinen Roman irgendwie unvollendet. Alles spitzt sich immer weiter zu, die Spannung steigt dramatisch, wenn auch eher subtil als offensichtlich.
Und dann ist das Buch einfach zu Ende.
Quellen:
http://www.imipolex-g.de/images/aufziehvogel.jpg
Gerade so, als sei man in einem Gestern in einen tiefen, an Bewusstlosigkeit grenzenden Schlaf gefallen und in einem Heute wieder erwacht. Da sind andere Menschen, aber sie machen die gleichen Dinge, sagen die gleichen Sätze, haben die gleichen Ziele.
So oder so ähnlich muss sich Toru Okada fühlen. Denn alles was er erlebt, was er sieht, hört und macht, ist schon einmal passiert. Nicht ihm und auch nicht absolut kongruent, doch Parallelen sind nicht zu leugnen.
Daher muss er weit in die Vergangenheit reisen um begreifen zu können, was gerade mit ihm und um ihn geschieht.
Da ist dieses Haus, das mit dem Aufziehvogel. Der Aufziehvogel, der jeden Tag auf ein Neues aufzieht und genauso plötzlich verstummt, wie Kumiko verschwindet.
Und schon ist Toru Okada mitten in der Vergangenheit, er weiß es nur noch nicht.
Denn der Aufziehvogel hat auch schon für andere geschnarrt. Für Zimt zum Beispiel oder für den jungen japanischen Soldaten, der später in einem Bergwerk von einem Aufseher mit der Schaufel erschlagen wird.
Und da ist der Brunnen bei diesem Haus. Er führt schon lange kein Wasser mehr, wie auch schon lange niemand mehr in dem Haus wohnt. Doch selbst wasserlos wird der Brunnen zur Oase, zu einem spirituellen Ort. Erst für Leutnant Mamiya und Jahrzehnte später für Toru Okada.
Da gibt es auch dieses Mal. Blauschwarz leuchtet es auf der Wange von Muskats Vater. Wieder sind es Jahrzehnte, die dieses Mal von jenem auf Toru Okadas Wange trennen. Doch dazwischen ist Muskat. Eine Frau, die eine Gabe besitzt. Sie kann das „Etwas“ in Menschen fühlen und es besänftigen. Toru Okada kann das auch - seit er das Mal besitzt.
Zur Erholung steigt er in den Brunnen.
Auch den meisten anderen Figuren des Romans muss dieses Gefühl nur allzu bekannt sein.
Dieses Wiederaufleben der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die die Gegenwart, ja selbst die Zukunft zu überrennen vermag.
Kumiko verschwindet plötzlich, der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit. Sie dachte dieses Etwas loswerden zu können, ihm davon rennen zu können, indem sie Toru Okada liebt und heiratet. Indem sie mit ihm ein ganz normales Leben führt, fernab von allem, was damals war.
Doch Geschehenes holt sie ein und entreißt ihr die Kontrolle über ihr Leben. Doch auch als das überwunden scheint – mit Hilfe Torus und seiner bewusstlosen, übernatürlichen Fähigkeiten – ist es nicht vorbei. Denn es gibt keine gemeinsame Zukunft für Kumiko und Toru.
Toru Okada verkörpert Muskats Vergangenheit gleich mehrfach: er besitzt die gleiche Gabe wie sie und sein Gesicht ist durch das gleiche Mal gezeichnet, wie das Gesicht ihres Vaters.
Noboru Wataya ist der Schlüssel. Zu allem.
Die gegenwärtige Geschichte nimmt ihren Lauf als der nach Noboru Wataya benannte Kater verschwindet. Und sie endet dann, wenn der echte Noboru Wataya stirbt.
Noboru Wataya macht die Menschen um sich herum zu dem, was sie sind. Kreta Kano, Kumiko, die gemeinsame jüngere Schwester, Toru Okada. Sogar die Menschen in Toru Okadas bewusstlosen Träumen sind von Noboru Wataya beherrscht.
Schließlich ist es auch ein Traum Toru Okadas, der Noboru Wataya auf geheimnisvolle Weise ein Ende setzt. Und zugleich allem anderen. Seine wie auch immer geartete Beziehung zu Zimt und Muskat, Kreta und Malta, seine Leben mit und ohne Kumiko.
Nur May Kasahara bleibt. Sie übersteht alles, ist immer gegenwärtig, auch wenn sie weit weg ist. Sie ist nur ein junges, verwirrtes Mädchen, das nicht weiß wohin mit sich, und schon gar nicht warum.
Aber sie hilft Toru Okada auf eine verquere und oftmals ganz und gar nicht nachvollziehbare Art und Weise. Sie und der zurückgekehrte Kater, der jetzt Oktopus heißt, sind die einzigen Konstanten, die Toru Okada in all dem turbulenten Chaos noch bleiben.
So könnte man ewig weiter vergleichen, vor- und zurückgreifen, Parallelen erstellen, noch auf die anderen Bücher Murakamis eingehen.
Man könnte versuchen all diese verschlungenen Linien auseinander zu zerren um ein Ergebnis, eine Lösung zu erreichen.
Doch es gibt keine Lösung. Murakami selbst lässt seinen Roman irgendwie unvollendet. Alles spitzt sich immer weiter zu, die Spannung steigt dramatisch, wenn auch eher subtil als offensichtlich.
Und dann ist das Buch einfach zu Ende.
Quellen:
http://www.imipolex-g.de/images/aufziehvogel.jpg


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