Montag, Juni 05, 2006

Von Katzen, Fischen und Freiseelen

Katzen sind Kult. In Europa und in Japan.
In meiner Familie und in Murakamis Romanen.
Doch dieser Kult wird überall anders praktiziert.
Murakamis Katzen heißen wie Fische: Oktopus oder Bückling. Sie haben abgeknickte Schwanzspitzen und haben für ihre Besitzer mehr Bedeutung als einfach nur „Haustier“.
Klar, mein Kater, der eigentlich Toulouse heißt, den ich so aber nie nenne, ist für mich auch mehr als nur ein Haustier. Aber er bedeutet für mich etwas anderes als der Kater Noboru Wataya, der spätere Oktopus, für Kumiko und Toru Okada. Oder aber Bückling für den Protagonisten aus „Wilde Schafsjagd“.
Mein Katerle ist sowas wie ein Kumpel für mich, bleibt dabei aber immer noch Kater. Wenn ich genug von ihm hab, setz ich ihn einfach vor die Tür.
Das würde Murakamis Figuren wahrscheinlich niemals auch nur entferntesten einfallen. Deren Kater sind Verwandte, mit ihnen verbundene Seelen.
Wie sonst lässt sich erklären, dass mit Kater Noboru Watayas Verschwinden etwas in Kumiko ausgelöst wird, warum sonst sollte sie so sehr darauf beharren, ihn wiederzufinden?
Warum sonst instruiert der namenslose, junge Mann aus „Wilde Schafsjagd“ einen eigentlich völlig fremden Menschen derart detailliert, wie er während seiner Abwesenheit den altersschwachen Kater zu umsorgen hat?
Diese Kater sind Teil der Menschen, ohne ihre Kater fehlt ihnen etwas ganz Bedeutendes, aber im Prinzip Unbenennbares.
Aber dieses Etwas sind sie nicht von Anfang an, sie werden erst dazu. Dafür spricht auch die Tatsache, dass beide Kater anfangs keine Namen haben und schlicht 'Kater' genannt werden. Im Laufe der Romane entwickeln sie Persönlichkeit (eher in Aufziehvogel als in Schafsjagd), gewinnen an Bedeutung und: bekommen einen Namen.

Als mein erster Kater starb war ich sehr traurig. Doch nach schon sehr kurzer Zeit konnte ich darüber nachdenken, mir einen neuen Kater zuzulegen. Das ist wohl auch so ein Unterschied: ich lege mir einen Kater zu, wie ich mir eine neue Hose kaufe, oder die Milch, die ich für den Kaffee brauche. Murakamis Kater werden in bedeutsamen, unvergesslichen Momenten gefunden und liebevoll aufgenommen. Als wären sie das Ergebnis einer langen Suche nach Etwas, das die Suchenden selbst noch nicht kennen – eine zweite Seele?