Sonntag, Juli 09, 2006

Jugend in Japan

In den Augen eines europäischen Teenagers muss die Vorstellung des Lebens eines japanischen Jugendlichen Horrorvisionen auslösen. Denn das Leben japanischer Kinder und Jugendlicher ist ausnahmslos von Schule und Leistungsdruck dominiert.

Sie leben für die Schule und den Sport und selbst die Freizeit wird davon durchzogen, denn alle Freizeitbeschäftigungen werden von Schulen organisiert. Die Gruppen, zu denen die Jugendlichen sich zugehörig finden, bilden sich in der Schule.
Doch wie auch die Zugehörigkeit zur Familie sehr streng gehandhabt wird, so ist auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mehr als verpflichtend. Man kann nicht einfach mal bei der einen und mal bei der anderen vorbei schauen – wer zur Gruppe gehört, ist strikt eingebunden und hat nicht „fremdzugehen“.




So streng und konservativ das alles klingt, was Sexualität (vor allem vor der Ehe) und dergleichen betrifft, sind japanische Eltern sehr liberal. Doch auch hier gibt es einen Haken: es wird nicht darüber gesprochen. Das heißt, die Jugendlichen haben keinen Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Die eigenen Freunde sind genau so unerfahren und weder Eltern noch Lehrer reden mit den Kindern über Tabuthemen.
So ist man auf die eigene Vorstellung und Phantasie angewiesen, hat aber keinen Referenten in der Realität, es bleibt Vorstellung und kann sich kaum als richtig oder falsch beweisen.

Nach der Schule jedoch fällt all dies komplett weg. Kein Druck mehr, weder von den Eltern, noch von der Schule noch sonst wo her. Die jungen Japaner fallen in ein riesiges Loch und nur wenige landen auf beiden Beinen.
Manche drehen in dieser Zeit total durch, nutzen die neu gewonnene Freiheit mehr als ihnen gut tut. Andere jedoch ziehen sich in sich selbst zurück und finden den Weg nach draußen nicht mehr.

>> "Es wäre doch netter, wenn wir uns sehen könnten. Willst Du nicht raus kommen und mit mir reden?" Mit stoischer Geduld sitzt Takayoshi Noda vor der verschlossenen Zimmertür. Von drinnen: nichts als Schweigen. Noda ist Sozialarbeiter und seine Schützlinge sind die Hikikomori - Japans verschwundene Jugend. << (http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,2124162,00.html) „Hikikomori“ heißt ein Phänomen, das schon bei jüngsten Schülern und eben frisch gebackenen Absolventen beobachtet wird. Aufgrund des Leistungsdruckes verziehen die Hikikomori sich in ihre Zimmer, schließen sich dort ein und kommen oftmals monate- oder gar jahrelang nicht heraus. Der Weg dahin ist einfacher als man denkt: es ganz banal mit Prüfungsangst beginnen, allgemein Angst zu versagen, Angst Opfer von „Ijime“ (Mobbing in Japan) zu werden und so weiter. Die Ursachen sind zahlreich. Diese Menschen suchen eine Sicherheit, die sie innerhalb der eigenen vier Wände glauben finden zu können und die ihnen leider kein anderer Mensch geben kann. Für Sozialarbeiter und Pädagogen ist Hikikomori noch Neuland. Doch Erfolge sind schon zu verzeichnen, wenn auch Gegenmaßnahmen nur zögerlich unternommen werden, meist stehen Eltern und Verwandte ratlos gegenüber einem unbegreifbaren Phänomen. Allerdings ist es nicht damit getan, diese armen Menschen bloß aus ihrer Isolation heraus zu holen. Der lange Ausschluss von der Gesellschaft geht an niemandem spurlos vorüber. Die meisten sind depressiv oder aggressiv, manche gar beides. Jedenfalls bedürfen die Hikikomori psychischer und sozialer Unterstützung und sind allein kaum lebensfähig. Therapieansätze sind vor allem Gespräche und regelmäßige Abendessen in Restaurants. Die „Patienten“ müssen sich erst wieder an Menschen und Gesellschaft gewöhnen, was offensichtlich gar nicht so einfach ist. Abgesehen davon, dass die Hikikomori sich selbst von der Gesellschaft abgrenzen, wird ihr Krankheitsbild in der Gesellschaft nicht akzeptiert und als Tabuthema gehandelt: „Einen Hikikomori in der Familie zu haben ist in Japan mit einem starken Stigma behaftet, und die Angst vor einer öffentlichen Demütigung kann übersteigerte Ausmaße annehmen. Die meisten Eltern warten einfach ab, ob sich ihr Kind wieder von alleine der Gesellschaft annähert. Falls sie überhaupt aus eigenem Antrieb Schritte einleiten, können zuvor lange Zeitspannen vergehen. Auch die traditionell enge Mutter-Kind-Beziehung trägt zu einer Verschleppung der Behandlung bei.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Hikikomori)

Ganz widersprüchlich dazu folgendes Zitat:

„Allerdings ist in Japan die Familie immer noch ein Ort, an dem man sich gehen lassen, vom anstrengenden öffentlichen Alltag erholen kann. Die Familie schenkt jedem einzelnen Mitglied Halt und Sicherheit.“ (http://home.arcor.de/HinagikusPage/japan5.html)

Doch Japan wird nicht umsonst das Land der Widersprüche und Extreme genannt.
Denn ist es nicht auch widersprüchlich, dass auf den Kindern extremer schulischer Leistungsdruck lastet, sie aber sobald die Schule beendet ist, im Prinzip machen können, was sie wollen?
Und ist es nicht genau so widersprüchlich, dass japanische Frauen reifen Alters total auf Puppenmode und Kleinkindaussehen abfahren und sich auch entsprechend verhalten? Je niedlicher, desto besser…


Quellen:

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,2124162,00.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Hikikomori

Informationen zur politischen Bildung, 2. Quartal 1997 Heft 255
Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de)

Bilder:

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