Freitag, Mai 19, 2006

Das Land des Lächelns

Am Wochenende war ich auf Heimatbesuch und meine Schwester, die Buchhändlerin ist, brachte mir einige Bücher über Japan zur Ansicht mit.
Eines davon - es nennt sich Reiseführer, ist meines Erachtens aber eher eine Einführung in die japanische Kultur und Gesellschaft - hat es mir dann doch sehr angetan, der Preis hingegen so gar nicht.
Also hab ich es meiner Schwester wieder mitgegeben, nicht jedoch ohne den halben Sonntag darin herumzublättern und mir natürlich die notwendigen Daten zu notieren, um es hier korrekt aufführen zu können.

Wie ich so durch das Buch geblättert habe fiel mir immer wieder auf, dass von Lächeln und Lachen die Rede war.
In Japan wird nicht gelächelt oder gelacht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit und schon gar nicht, wenn Ausländer zugegen sind.
Lachen ist ein Zeichen dafür, dass man sich nicht unter Kontrolle hat, und nichts, aber auch gar nichts ist in Japan wichtiger als die eigene Präsentation nach außen hin.
Immer schön ernst und ruhig, bloß nicht auffallen.
Ebendieser Ansatz wird auch in der Erziehung verfolgt. Der Reiseführer beschreibt hierfür eine Szene in einem Restaurant. Wenn die Kinder schlechte Manieren an den Tag legen, werden sie schlichtweg ignoriert. Aufmerksamkeit wird ihnen nur zuteil, wenn sie sich gut benehmen.




"Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen"

Ganz im Gegenteil in unserer Kultur. Sind deutsche Kinder in der Öffentlichkeit laut und fallen auf, werden sie entweder ausgeschimpft oder mit Gummibärchen und Schokolade bestochen.
Auch kann man auf europäischen Straßen tagtäglich die unterschiedlichsten Emotionen beobachten. Lachende Menschen jedglichen Alters, streitende, weinende, griesgrämige, wütenende, verunsicherte, gelangweilte, überglückliche, schelmische oder gestresste Gesichter. Sie sind überall anzutreffen, kaum einer versteckt seine Emotionen in der Wohnung.
Japaner tun dies. Das eigene Innenleben geht niemanden was an, schon gar nicht den Passanten auf der Straße.

Bei geschäftlichen Meetings wird Lachen zu einem ernstzunehmenden, interkulturellen Problem: der Versuch die geschäftliche Atmosphäre scherzhaft aufzulockern, zieht bei Japaner nicht. Geschäft ist Geschäft. Da gibt es nichts zu lachen.

An dieser Stelle sei nochmals der Prof genannt, der sagte:
"Japaner lachen über etwas anderes als wir."
Auch das erklärt der Reiseführer in wenigen Worten.
Japaner halten Wortwitze für das einzig Wahre. Sie sind schön einfach, jeder kann sie gleich kapieren und spontan (!) sind sie auch noch.
Über einen langen Witz, dessen Pointe man nur durch nachdenken als lustig empfindet, lachen Japaner nicht. Lachen ist eine Freizeitbeschäftigung, da wollen sie nicht nachdenken müssen.

Klar lachen auch wir über Wortwitze, aber ist es nicht eher angesehen, wenn man einen Witz mit Hintergedanekn bringt?
Als Beispiel dafür ein Witz aus dem aktuellen Kinofilm "Das Leben der anderen":
>>Erich Honecker steht frühmorgens in seinem Büro am Fenster und begrüßt die Sonne: "Hallo liebe Sonne"
Diese grüßt zurück: "Guten Morgen lieber Erich"
Mittags steht Honecker wieder am Fenster: "Schönen Mittag liebe Sonne", wieder antwortet sie: "Schönen Mittag lieber Erich!"
Am Abend, die Sonne ist schon fast untergegangen, geht Honecker wieder ans Fenster: "Guten Abend liebe Sonne". Keine Antwort. Also nochmals "Guten Abend liebe Sonne", noch immer keine Antwort.
Honecker versteht das nicht und sagt: "Also Sonne, ich hab dir doch gerade einen schönen Abend gewünscht!" Da antwortet die Sonne: "Du kannst mich mal, ich bin jetzt im Westen!"<<


Nun, rein von der Thematik her mag dieser Witz nicht unbedingt angesehen sein, aber ich hoffe damit diesen kleinen aber feinen Unterschied zwischen uns und den Japanern deutlich machen zu können.

Aber um dem Eindruck entgegen zu wirken, der hier entstehen könnte - Japaner seien Muffel, die nie lachen - sei gesagt, dass Japaner sehr gerne und auch sehr viel lachen. Nur eben nicht in der Öffentlichkeit und über anderes als wir.

Quellen:

Thomas, K./Haschke, B.(2005): Reisegast in Japan.
Iwanowski´s Reisebuchverlag (4.Auflage).

http://www.vaeternotruf.de/drei-affen.jpg

http://www.iwanowski.de/images/titles/Gross/Japan_RG.jpg