Mord am Fujiyama
„Jedes Jahr Anfang Januar findet in der malerisch gelegenen Villa von Yohei ‚Großvater’ Wada am Fuß des schneebedeckten Fujiyamas das Familientreffen der schwerreichen Wadas statt. Außer den engsten Familienmitgliedern ist diesmal auch die amerikanische Studentin Jane Prescott anwesend. Jane gibt der 22-jährigen Chiyo, Yoheis Großnichte, Nachhilfe in Englisch und soll ihr über die Neujahrsferien bei der Diplomarbeit helfen. Neugierig auf die Traditionen und Gepflogenheiten einer angesehenen japanischen Familie hat Jane zugesagt.
Doch bald wird das Familienfest jäh gestört: Während einer abendlichen Teestunde zerreißt ein Schrei die beschauliche Stille und Chiyo stürzt mit blutverschmierten Kleidern und Händen in den Raum. Völlig aufgelöst behauptet sie, Yohei erstochen zu haben – aus Notwehr, denn der alte Mann habe versucht sie zu vergewaltigen. Sofort greift der Mechanismus des Familienschutzes. Auf höchst raffinierte Weise werden falsche Spuren gelegt, die auf einen Raubmord hindeuten sollen. Jane glaubt jedoch nicht recht an Chiyos Schuld, stellt heimlich eigene Ermittlungen an. Und während die Polizei scheinbar zufällig doch noch auf Hinweise stößt, die ganz eindeutig Chiyo belasten, fragt sich Jane, wer ihre junge Schülerin als Schuldige sehen will und was wirklich an jenem Abend passiert ist…“
So der Klappentext von „Mord am Fujiyama“, ein Kriminalroman der japanischen Autorin Shizuko Natsuki.
Ich bin beim dritten Kapitel, der Mord ist gerade geschehen, die ersten Schritte sind unternommen, um Chiyo zu schützen.
„Allerdings ist in Japan die Familie immer noch ein Ort, an dem man sich gehen lassen, vom anstrengenden öffentlichen Alltag erholen kann. Die Familie schenkt jedem einzelnen Mitglied Halt und Sicherheit.“ (http://home.arcor.de/HinagikusPage/japan5.html)
So ist das doch auch in Deutschland, würden die meisten sagen.
Doch bedeutet Familie in Deutschland dasselbe wie in Japan?
Wenn ich von meiner Familie spreche, meine ich meine Eltern, meine zwei Geschwister und mich: zwei Generationen.
In Japan hingegen besteht die Familie aus mehr als nur zwei Generationen. Die Großeltern nehmen einen sehr wichtigen Platz in der japanischen Familienhierarchie ein, vor allem der Großvater.
Von ihm geht alles aus, er ist das Oberhaupt.
Das liegt zum einen darin begründet, dass männliche Nachkommen einer Familie sowieso eine Vorzugsstellung genießen, schließlich sorgen sie für den Erhalt der Ahnenreihe.
Zum anderen herrscht in Japan ein ganz anderes Verständnis von Alter als in Deutschland.
Während der gemeine Deutsche den Rentner als Belastung seines ohnehin schon leeren Geldbeutels sieht, wird der japanische Greis als Inbegriff der Weisheit angesehen.
Ob Shizuko Natsuki diesem Bild gerecht wird, kann man nur teilweise feststellen, da der Großvater schon im zweiten Kapitel sterben muss.
Doch immerhin bekommt man noch mit, dass er die Verantwortung dafür trägt, mit wem die weiblichen Mitglieder der Familie (um genau zu sein Chiyo) verheiratet werden.
„ ‚Worüber wollte Großvater mit dir sprechen?’ […] ‚Hauptsächlich ging es darum, dass wir uns langsam Gedanken machen müssten, wen ich heiraten würde wenn ich das Examen hinter mir habe’ “ (Natsuki 1991: 36)
In einer heutigen europäischen Familie undenkbar, selbst Sprösslinge eines Königshauses heiraten heutzutage aus Liebe, nicht mehr nur aus politischem Kalkül.
Und wie sieht es bei Murakami mit der Familie aus?
Auf den ersten Blick könnte man sagen, Murakamis Romane vernachlässigen das traditionelle Familienbild Japans.
Doch in ‚Mr. Aufziehvogel’ gibt es sehr wohl einige wenige Hinweise darauf.
Herr Honda ist das Beispiel für einen alten, ehrwürdigen Mann, dem viel Weisheit nachgesagt wird. Toru und Kumiko Okada verkörpern in Beziehung zu ihm den modernen Japaner, der an so etwas nur noch bedingt glaubt, es aber nicht mehr als selbstverständlich und unabänderlich wahr annimmt.
Noboru Wataya thematisiert die nach Geschlecht und Alter aufgebaute Hierarchie japanischer Familien. Als großer Bruder ist er die rechte Hand des Vaters und hat mehr Sagen als die eigene Mutter.
Gegenbeispiel ist May Kasahara. Sie macht was sie will, ihre Eltern scheinen für sie gar nicht zu existieren. Zumal in Japan die Bildung der Nachkommen das erste und einzige Gut ist, und mit einer fast unnatürlichen Gewissenhaftigkeit betrieben wird. May Kasahara aber hat die Schule geschmissen und sonnt sich lieber in knappen Bikinis auf dem Liegestuhl.
Auch Zimt und Muskat kann man als gegenteiliges Beispiel betrachten. Wenn überhaupt, ist eine Hierarchie nur mit der Mutter an der Spitze zu erkennen. Doch eher noch befinden beide sich in einem Einklang der Gleichberechtigung.
Diesen Aspekt er Familie – Hierarchisierung nach Geschlecht und Alter – findet man in europäischen Familien nur noch rudimentär.
Abgesehen davon, dass es heute unglaublich viele allein erziehende Mütter gibt, die keine andere Wahl haben als für die Familie zu sorgen, Geld zu verdienen und alles zusammen zu halten, ist die Rolle des Mannes in intakten Familien als Oberhaupt und ‚Familienvorstand’ in den Hintergrund geraten.
Frauen verdienen ebenso ihr Geld wie ihre Männer es tun. Die Kinder sind oftmals eher auf die Mutter ausgerichtet, ihr wird nicht einfach nur die Erziehung ‚überlassen’, sie stellt meist die erste Bezugsperson für ein Kind dar.
Auch der älteste Sohn musste sein Stellung an der Seite des Vaters einbüßen. In manchen Familien mag die Vorzugsstellung des Sohnes noch subtil vorhanden sein, doch allgemein betrachtet herrscht eine Ausgewogenheit der Geschlechter.
Nicht Alter und Geschlecht sind länger der Maßstab. Der Mensch an sich, sein Charakter, seine Persönlichkeit sind in den Vordergrund getreten.
Selbst im modernen Japan vollzieht sich ein Wandel in diese Richtung, allerdings ist der Hierarchisierungsgedanke dort noch so sehr verwurzelt, dass es noch nicht ganz so einfach ist, wie in Europa.
Buch:
Natsuki, S. (1991): Mord am Fujiyama.
Wilhelm Goldmann Verlag, München.
Quellen:
http://www.uchiyama.nl/Images/keizerfam2.jpg
http://www.wdr.de/themen/panorama/15/sinterklaas/_img/familie_400q.jpg
http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila/142_45868_rs_31420.jpg
Doch bald wird das Familienfest jäh gestört: Während einer abendlichen Teestunde zerreißt ein Schrei die beschauliche Stille und Chiyo stürzt mit blutverschmierten Kleidern und Händen in den Raum. Völlig aufgelöst behauptet sie, Yohei erstochen zu haben – aus Notwehr, denn der alte Mann habe versucht sie zu vergewaltigen. Sofort greift der Mechanismus des Familienschutzes. Auf höchst raffinierte Weise werden falsche Spuren gelegt, die auf einen Raubmord hindeuten sollen. Jane glaubt jedoch nicht recht an Chiyos Schuld, stellt heimlich eigene Ermittlungen an. Und während die Polizei scheinbar zufällig doch noch auf Hinweise stößt, die ganz eindeutig Chiyo belasten, fragt sich Jane, wer ihre junge Schülerin als Schuldige sehen will und was wirklich an jenem Abend passiert ist…“
So der Klappentext von „Mord am Fujiyama“, ein Kriminalroman der japanischen Autorin Shizuko Natsuki.
Ich bin beim dritten Kapitel, der Mord ist gerade geschehen, die ersten Schritte sind unternommen, um Chiyo zu schützen.
„Allerdings ist in Japan die Familie immer noch ein Ort, an dem man sich gehen lassen, vom anstrengenden öffentlichen Alltag erholen kann. Die Familie schenkt jedem einzelnen Mitglied Halt und Sicherheit.“ (http://home.arcor.de/HinagikusPage/japan5.html)
So ist das doch auch in Deutschland, würden die meisten sagen.
Doch bedeutet Familie in Deutschland dasselbe wie in Japan?
Wenn ich von meiner Familie spreche, meine ich meine Eltern, meine zwei Geschwister und mich: zwei Generationen.
In Japan hingegen besteht die Familie aus mehr als nur zwei Generationen. Die Großeltern nehmen einen sehr wichtigen Platz in der japanischen Familienhierarchie ein, vor allem der Großvater.
Von ihm geht alles aus, er ist das Oberhaupt.
Das liegt zum einen darin begründet, dass männliche Nachkommen einer Familie sowieso eine Vorzugsstellung genießen, schließlich sorgen sie für den Erhalt der Ahnenreihe.
Zum anderen herrscht in Japan ein ganz anderes Verständnis von Alter als in Deutschland.
Während der gemeine Deutsche den Rentner als Belastung seines ohnehin schon leeren Geldbeutels sieht, wird der japanische Greis als Inbegriff der Weisheit angesehen.
Ob Shizuko Natsuki diesem Bild gerecht wird, kann man nur teilweise feststellen, da der Großvater schon im zweiten Kapitel sterben muss.
Doch immerhin bekommt man noch mit, dass er die Verantwortung dafür trägt, mit wem die weiblichen Mitglieder der Familie (um genau zu sein Chiyo) verheiratet werden.
„ ‚Worüber wollte Großvater mit dir sprechen?’ […] ‚Hauptsächlich ging es darum, dass wir uns langsam Gedanken machen müssten, wen ich heiraten würde wenn ich das Examen hinter mir habe’ “ (Natsuki 1991: 36)
In einer heutigen europäischen Familie undenkbar, selbst Sprösslinge eines Königshauses heiraten heutzutage aus Liebe, nicht mehr nur aus politischem Kalkül.
Und wie sieht es bei Murakami mit der Familie aus?
Auf den ersten Blick könnte man sagen, Murakamis Romane vernachlässigen das traditionelle Familienbild Japans.
Doch in ‚Mr. Aufziehvogel’ gibt es sehr wohl einige wenige Hinweise darauf.
Herr Honda ist das Beispiel für einen alten, ehrwürdigen Mann, dem viel Weisheit nachgesagt wird. Toru und Kumiko Okada verkörpern in Beziehung zu ihm den modernen Japaner, der an so etwas nur noch bedingt glaubt, es aber nicht mehr als selbstverständlich und unabänderlich wahr annimmt.
Noboru Wataya thematisiert die nach Geschlecht und Alter aufgebaute Hierarchie japanischer Familien. Als großer Bruder ist er die rechte Hand des Vaters und hat mehr Sagen als die eigene Mutter.
Gegenbeispiel ist May Kasahara. Sie macht was sie will, ihre Eltern scheinen für sie gar nicht zu existieren. Zumal in Japan die Bildung der Nachkommen das erste und einzige Gut ist, und mit einer fast unnatürlichen Gewissenhaftigkeit betrieben wird. May Kasahara aber hat die Schule geschmissen und sonnt sich lieber in knappen Bikinis auf dem Liegestuhl.
Auch Zimt und Muskat kann man als gegenteiliges Beispiel betrachten. Wenn überhaupt, ist eine Hierarchie nur mit der Mutter an der Spitze zu erkennen. Doch eher noch befinden beide sich in einem Einklang der Gleichberechtigung.
Diesen Aspekt er Familie – Hierarchisierung nach Geschlecht und Alter – findet man in europäischen Familien nur noch rudimentär.
Abgesehen davon, dass es heute unglaublich viele allein erziehende Mütter gibt, die keine andere Wahl haben als für die Familie zu sorgen, Geld zu verdienen und alles zusammen zu halten, ist die Rolle des Mannes in intakten Familien als Oberhaupt und ‚Familienvorstand’ in den Hintergrund geraten.
Frauen verdienen ebenso ihr Geld wie ihre Männer es tun. Die Kinder sind oftmals eher auf die Mutter ausgerichtet, ihr wird nicht einfach nur die Erziehung ‚überlassen’, sie stellt meist die erste Bezugsperson für ein Kind dar.
Auch der älteste Sohn musste sein Stellung an der Seite des Vaters einbüßen. In manchen Familien mag die Vorzugsstellung des Sohnes noch subtil vorhanden sein, doch allgemein betrachtet herrscht eine Ausgewogenheit der Geschlechter.
Nicht Alter und Geschlecht sind länger der Maßstab. Der Mensch an sich, sein Charakter, seine Persönlichkeit sind in den Vordergrund getreten.
Selbst im modernen Japan vollzieht sich ein Wandel in diese Richtung, allerdings ist der Hierarchisierungsgedanke dort noch so sehr verwurzelt, dass es noch nicht ganz so einfach ist, wie in Europa.
Buch:
Natsuki, S. (1991): Mord am Fujiyama.
Wilhelm Goldmann Verlag, München.
Quellen:
http://www.uchiyama.nl/Images/keizerfam2.jpg
http://www.wdr.de/themen/panorama/15/sinterklaas/_img/familie_400q.jpg
http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila/142_45868_rs_31420.jpg


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