Samstag, Juli 29, 2006

Mein Japan!

Das also ist das Ende. Oder zumindest vorerst mal das Ende meines Blogs.
Da ich von Anfang an nicht im Geringsten wusste, wie ich meine Suche nach Japan konkret gestalten könnte, hab ich einfach mal überall so ein bisschen reingeschnuppert, hab mal über das eine, mal über das andere geschrieben.
Einen roten Faden hab ich dabei nicht gefunden…
Auch wollte ich vermeiden Tatsachen zu wiederholen und einfach nur niederzuschreiben.
Also habe ich mich umgeschaut – hauptsächlich im Internet – habe mir einige Aspekte des Gefundenen heraus gefischt und meine Gedanken darum gesponnen.
Es mag nicht immer richtig sein, was ich geschrieben habe, aber es ist das was ich aus all der Information gebaut habe. Mein Phantasma Japan.
Zwischenzeitlich habe ich auch versucht auf Murakami einzugehen, bei ihm Japan zu finden, aber das habe ich schnell aufgegeben, da ich Murakami irgendwie sehr unjapanisch finde und in den Sitzungen eigentlich nur über „Kafka am Strand“ eingehend gesprochen wurde, ich habe allerdings nur „Mr. Aufziehvogel“ und „Wilde Schafsjagd“ gelesen…

Wenn vor dem Kurs mein Bild von Japan durch Touristen in Baden-Baden geprägt war, so hat sich dieses Bild dahingehend geändert, dass dieser Tourist nicht einfach wieder im Nichts verschwindet, wenn er abreist, sondern dass er sich auf den Weg zu einer bunt gefleckten Insel macht.
Eine Insel der verschiedensten Phänomene, die alle bunt gemixt durcheinander miteinander leben. Es sind die Flecken, die ich mir selbst durch meinen Blog erschlossen habe. Von Tee über Waldgeister bis hin zu Aussteigern und Weirdos, die ihr Glück in der Flucht suchen.

Ich habe also nicht das eine „mein Japan“ gefunden, es ist vielmehr eine Ahnung, die sich nicht greifen lässt und auch niemals den Anspruch auf Wahrheit erfüllt.
Es ist auch nicht so, dass ich unbedingt nach Japan reisen möchte um mir ein „richtiges“ Bild machen zu können. Ich kann sehr gut damit leben, wie ich Japan finde.
Ich weiß jetzt ein bisschen mehr über Japan und find die Japaner noch ein bisschen komischer. Wobei ich feststellen musste, dass sie eben gar nicht so sehr von uns Europäern unterscheiden, wie alle (und die Japaner selbst wahrscheinlich auch) immer denken. Wir haben alle die gleichen Macken, Bedürfnisse und meinetwegen auch Vorlieben, wir leben sie nur auf unterschiedliche Art und Weise aus.

Ich finde es gut und richtig, dass ich durch den Kurs quasi gezwungen war, mich mit Japan auseinander zu setzen. Es war nicht immer einfach und ich habe oft genug geschimpft als gäbe es kein Morgen mehr (sei es über die Frage, worüber ich denn schreiben könnte oder etwa über blogger.com, weil ich einfach keine Bilder mehr reinsetzen konnte…) und ich bin auch echt oft in immensen Zeitdruck geraten, bin eigentlich sogar noch mitten drin. Aber rückblickend hat es Spaß gemacht und war total interessant zu recherchieren und zu schreiben.

Würde ein Cyberfictions 3.0 angeboten, ich wäre wieder dabei. Allerdings muss es ja nicht wieder von Japan handeln…

Donnerstag, Juli 27, 2006

Robin Hood in Japan

Wenn wir "Robin Hood" hören, denken wir an den Rächer der Witwen und Waisen, an einen edlen jungen Mann, der den reichen klaut um den Armen zu geben.
Ein Entrechteter, der in den Wäldern von Sherwood haust, Gleichgesinnte um sich sammelt, vom Rest der Gesellschaft (bzw. vom Adel) jedoch als Wertlos betrachtet wird.

Die Yakuza, von der westlichen Presse fälschlicherweise als Japans Mafia bezeichnet, sind auch die Wertlosen ihrer Gesellschaft.
Das Wort Yakuza sagt es schon: es bezeichnet eine Zahlenfolge in einem Kartenspiel, welches Black Jack gar nicht unähnlich ist. Mit Yakuza (mit einem Wert von 20) hat man verloren - das Blatt ist wertlos.
Die Mitglieder der Yakuza, die sich in verschiedene Gruppen, genannt "kumi", einteilen, vertreten ihr Dasein in der Gesellschaft als unangesehene Randgruppe voller Stolz.
Ehemals zeigten sie es auch durch sehr große Tätowierungen, doch seit die Yakuza verboten wurde (von der Polizei, die natürlich von den Samurai abstammt), will niemand mehr auffallen.

Die Yakuza haben ihren Ursprung in der Edo-Zeit, die etwa von 1600 bis Ende des 19. Jhdts. dauerte und nach der damaligen Hauptstadt Edo benannt war. Hier setzte sich die Yakuza eben vornehmlich aus Menschen weniger hoher Geburt, meist Bauern und Handwerker.
Die Yakuza nahmen jeden auf, der auf irgendeine Art und Weise nicht zum Rest der Gesellschaft gehörte. Sie boten ein Zuhause, eine Familie und das Gefühl der Zugehörigkeit.
Also gilt auch hier wieder der Aspekt der Flucht seines gewöhnlichen Lebens, um Annerkennung unter Gleichgesinnten zu erlangen.

Doch auch wenn sich heftigst gegen den Vergleich mit der Mafia, wie man sie vor allem aus Italien kennt, gewehrt wird, gewisse Ähnlichkeiten lassen sich einfach nicht leugnen.
So gibt es auch ben den Yakuza einen "Paten", er nennt sich hier jedoch "Oyabun". Und auch hier ist Loyalität das höchste Gut, sie geht sogar soweit, dass man sich selbst verstümmelt, hat man einen Fehler begangen. So kann man seine Ehre wieder herstellen (auch ganz ähnlich wie bei den Samurai, nur dass diese halt gleich sterben...).
Noch eine Paralelle zeigt sich im Wirkungskreis. Die Yakuza hat ihre Finger überall drin, vor allem in den höchsten Kreisen von Wirtschaft und Finanz. Auch den "einfachen und traditionellen" Mafiaaktivitäten entziehen sie sich nicht, sie verkaufen genauso Frauen, Drogen und Diebesgut, wie andere Untergrundorganisationen es tun.

Also sind die Yakuza dann doch nicht so ganz speziell im Vergleich zu anderen Mafiaorganisationen, wenn man mal davon absieht, dass Mafia bzw. Yakuza per se schon etwas sehr Spezielles ist...

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Yakuza

http://mitglied.lycos.de/YakuzaNet/Yakuza/index.htm

Mittwoch, Juli 26, 2006

Alle Wege führen...

...überhaupt wohin?

In meinem letzten Post schrieb ich über die Hikikomori, eine sehr extreme Art Flucht aus dem Alltag.
Eine weitere Art und Weise junger Japaner ihrem every-day-life zu entfliehen, ist der Lolita-Kult bzw. der Gothic-Lolta-Kult. Während Hikikomori sich in keinster Weise um Geschlecht und Alter kümmert, ist der Lolita-Kult nur unter jungen Japanerinnen zu finden.
Der Ursprung des Kultes ist in der Musik zu suchen.
Genauer gesagt: Visual Kei oder Visual Rock, japanischer Heavy Metal mit Gothic-Einflüssen, die allerdings mit europäischem oder amerikanischem Goth nicht zu vergleichen sind.
Und das Wort "Visual" sagt es schon: es geht auch um Äußerlichkeiten, um das optische Auftreten.
Junge Japanerinnen, die dieser Musik zugeneigt sind, kleiden sich wie Lolitas, also wie süße kleine Mädchen, die keiner Fliege was zu Leide tun können, allerdings mit einem Touch sexy Verruchtheit.
Und genau das ist auch der Zweck der "Verkleidung". Sie wollen zugleich sexuell anziehend und unschuldig wirken.
Sie wollen auch ihre Idolen gleichen oder sie kopieren, um sich mit ihnen identifizieren zu können.
Ein anderer Zweck ist - wie immer bei derlei Dingen - der Zugehörigkeits- und Wiedererkennungswert.

Mit Flucht aus dem Alltag hat das dahingehend zu tun, weil diese Mädchen sich nicht immer so kleiden. Nur wenn sie ihresgleichen treffen und auf Konzerte gehen.
Sie verkleiden sich und können so sein, wie sie es wollen, nicht so wie ihre Eltern, Lehrer und der Rest der Gesellschaft sie gerne hätten.
Auch der Idolcharakter des Kultes ist meines Erachtens Zeichen dafür, dass diese Mädchen fliehen. Sie suchen ihre Vorbilder in unerreichbaren Sphären, und verneinen Greifbares als Vorbildfunktion. Vielleicht deshalb, weil sie Angst vor dem Scheitern haben, weil sie die Rockstars in Wissen anhimmeln, dass sie so niemals sein werden, aber der Traum ist real genug. Bei Vorbildern aus der realen Umgebung gibt es auch reales Scheitern mit dem Hintergedanken es hätte doch auch klappen können...

In Japan ist es schon lange "Tradition" sich hinter Mode und Verkleidung zu verstecken, das ganze nennt sich "Costume Play" oder kurz "Cosplay".
"Gothic Lolita" ist nur einer von vielen Ästen, die aus dieser Wurzel gewachsen sind.
Der Lolita-Kult mag eventuelle auch darin begründet liegen, dass es in Japan schon immer etwas seltsam anmutende Vorlieben und Fetische gibt. So zum Beispiel stehen ältere Männer sehr auf junge Mädchen (wobei das nicht nur in Japan zu beobachten ist), dies auszureizen, so zu provozieren, dient den Mächen dazu, sich mächtig fühlen zu können.
Sie fühlen sich besonders, irgendwie ganz speziell, endlich mal anders als die anderen. Sie stechen aus der grauen Masse heraus und erregen Aufsehen.
Dass sie sich dafür wie kleine Mädchen verkleiden, verstärkt nur den Eindruck, dass sie einfach nicht erwachsen werden wollen und sich auch genau so verhalten.

Zumal die japanische Jugend und der japanische Markt dankbare Abnehmer jeglicher Trends und Hypes sind. Sobald es was neues Aufsehen erregendes gibt, wollen alle mitmachen und der Markt liefert das für nötig gehaltene Material.

Nun, die Japaner - und hier vornehmlich die Jugendlichen - scheinen sehr anfällig für Trends jeder Art zu sein, die Frage ist nur, ob sie sich da überhaupt von Jugendlichen anderer Länder so sehr unterscheiden. Wahrscheinlich ist der einzige Unterschied das wie, nicht das was...

Quellen:

http://www.morbidoutlook.com/fashion/articles/2002_07_gothiclolita.html

http://geocities.com/goth501/Lothought/thought.htm

Bilder werden nachgereicht, wenn ich es endlich mal schaffe, den normalen Weg zu umgehen...

Sonntag, Juli 09, 2006

Jugend in Japan

In den Augen eines europäischen Teenagers muss die Vorstellung des Lebens eines japanischen Jugendlichen Horrorvisionen auslösen. Denn das Leben japanischer Kinder und Jugendlicher ist ausnahmslos von Schule und Leistungsdruck dominiert.

Sie leben für die Schule und den Sport und selbst die Freizeit wird davon durchzogen, denn alle Freizeitbeschäftigungen werden von Schulen organisiert. Die Gruppen, zu denen die Jugendlichen sich zugehörig finden, bilden sich in der Schule.
Doch wie auch die Zugehörigkeit zur Familie sehr streng gehandhabt wird, so ist auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mehr als verpflichtend. Man kann nicht einfach mal bei der einen und mal bei der anderen vorbei schauen – wer zur Gruppe gehört, ist strikt eingebunden und hat nicht „fremdzugehen“.




So streng und konservativ das alles klingt, was Sexualität (vor allem vor der Ehe) und dergleichen betrifft, sind japanische Eltern sehr liberal. Doch auch hier gibt es einen Haken: es wird nicht darüber gesprochen. Das heißt, die Jugendlichen haben keinen Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Die eigenen Freunde sind genau so unerfahren und weder Eltern noch Lehrer reden mit den Kindern über Tabuthemen.
So ist man auf die eigene Vorstellung und Phantasie angewiesen, hat aber keinen Referenten in der Realität, es bleibt Vorstellung und kann sich kaum als richtig oder falsch beweisen.

Nach der Schule jedoch fällt all dies komplett weg. Kein Druck mehr, weder von den Eltern, noch von der Schule noch sonst wo her. Die jungen Japaner fallen in ein riesiges Loch und nur wenige landen auf beiden Beinen.
Manche drehen in dieser Zeit total durch, nutzen die neu gewonnene Freiheit mehr als ihnen gut tut. Andere jedoch ziehen sich in sich selbst zurück und finden den Weg nach draußen nicht mehr.

>> "Es wäre doch netter, wenn wir uns sehen könnten. Willst Du nicht raus kommen und mit mir reden?" Mit stoischer Geduld sitzt Takayoshi Noda vor der verschlossenen Zimmertür. Von drinnen: nichts als Schweigen. Noda ist Sozialarbeiter und seine Schützlinge sind die Hikikomori - Japans verschwundene Jugend. << (http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,2124162,00.html) „Hikikomori“ heißt ein Phänomen, das schon bei jüngsten Schülern und eben frisch gebackenen Absolventen beobachtet wird. Aufgrund des Leistungsdruckes verziehen die Hikikomori sich in ihre Zimmer, schließen sich dort ein und kommen oftmals monate- oder gar jahrelang nicht heraus. Der Weg dahin ist einfacher als man denkt: es ganz banal mit Prüfungsangst beginnen, allgemein Angst zu versagen, Angst Opfer von „Ijime“ (Mobbing in Japan) zu werden und so weiter. Die Ursachen sind zahlreich. Diese Menschen suchen eine Sicherheit, die sie innerhalb der eigenen vier Wände glauben finden zu können und die ihnen leider kein anderer Mensch geben kann. Für Sozialarbeiter und Pädagogen ist Hikikomori noch Neuland. Doch Erfolge sind schon zu verzeichnen, wenn auch Gegenmaßnahmen nur zögerlich unternommen werden, meist stehen Eltern und Verwandte ratlos gegenüber einem unbegreifbaren Phänomen. Allerdings ist es nicht damit getan, diese armen Menschen bloß aus ihrer Isolation heraus zu holen. Der lange Ausschluss von der Gesellschaft geht an niemandem spurlos vorüber. Die meisten sind depressiv oder aggressiv, manche gar beides. Jedenfalls bedürfen die Hikikomori psychischer und sozialer Unterstützung und sind allein kaum lebensfähig. Therapieansätze sind vor allem Gespräche und regelmäßige Abendessen in Restaurants. Die „Patienten“ müssen sich erst wieder an Menschen und Gesellschaft gewöhnen, was offensichtlich gar nicht so einfach ist. Abgesehen davon, dass die Hikikomori sich selbst von der Gesellschaft abgrenzen, wird ihr Krankheitsbild in der Gesellschaft nicht akzeptiert und als Tabuthema gehandelt: „Einen Hikikomori in der Familie zu haben ist in Japan mit einem starken Stigma behaftet, und die Angst vor einer öffentlichen Demütigung kann übersteigerte Ausmaße annehmen. Die meisten Eltern warten einfach ab, ob sich ihr Kind wieder von alleine der Gesellschaft annähert. Falls sie überhaupt aus eigenem Antrieb Schritte einleiten, können zuvor lange Zeitspannen vergehen. Auch die traditionell enge Mutter-Kind-Beziehung trägt zu einer Verschleppung der Behandlung bei.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Hikikomori)

Ganz widersprüchlich dazu folgendes Zitat:

„Allerdings ist in Japan die Familie immer noch ein Ort, an dem man sich gehen lassen, vom anstrengenden öffentlichen Alltag erholen kann. Die Familie schenkt jedem einzelnen Mitglied Halt und Sicherheit.“ (http://home.arcor.de/HinagikusPage/japan5.html)

Doch Japan wird nicht umsonst das Land der Widersprüche und Extreme genannt.
Denn ist es nicht auch widersprüchlich, dass auf den Kindern extremer schulischer Leistungsdruck lastet, sie aber sobald die Schule beendet ist, im Prinzip machen können, was sie wollen?
Und ist es nicht genau so widersprüchlich, dass japanische Frauen reifen Alters total auf Puppenmode und Kleinkindaussehen abfahren und sich auch entsprechend verhalten? Je niedlicher, desto besser…


Quellen:

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,2124162,00.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Hikikomori

Informationen zur politischen Bildung, 2. Quartal 1997 Heft 255
Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de)

Bilder:

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Montag, Juni 19, 2006

Mord am Fujiyama

„Jedes Jahr Anfang Januar findet in der malerisch gelegenen Villa von Yohei ‚Großvater’ Wada am Fuß des schneebedeckten Fujiyamas das Familientreffen der schwerreichen Wadas statt. Außer den engsten Familienmitgliedern ist diesmal auch die amerikanische Studentin Jane Prescott anwesend. Jane gibt der 22-jährigen Chiyo, Yoheis Großnichte, Nachhilfe in Englisch und soll ihr über die Neujahrsferien bei der Diplomarbeit helfen. Neugierig auf die Traditionen und Gepflogenheiten einer angesehenen japanischen Familie hat Jane zugesagt.
Doch bald wird das Familienfest jäh gestört: Während einer abendlichen Teestunde zerreißt ein Schrei die beschauliche Stille und Chiyo stürzt mit blutverschmierten Kleidern und Händen in den Raum. Völlig aufgelöst behauptet sie, Yohei erstochen zu haben – aus Notwehr, denn der alte Mann habe versucht sie zu vergewaltigen. Sofort greift der Mechanismus des Familienschutzes. Auf höchst raffinierte Weise werden falsche Spuren gelegt, die auf einen Raubmord hindeuten sollen. Jane glaubt jedoch nicht recht an Chiyos Schuld, stellt heimlich eigene Ermittlungen an. Und während die Polizei scheinbar zufällig doch noch auf Hinweise stößt, die ganz eindeutig Chiyo belasten, fragt sich Jane, wer ihre junge Schülerin als Schuldige sehen will und was wirklich an jenem Abend passiert ist…“

So der Klappentext von „Mord am Fujiyama“, ein Kriminalroman der japanischen Autorin Shizuko Natsuki.
Ich bin beim dritten Kapitel, der Mord ist gerade geschehen, die ersten Schritte sind unternommen, um Chiyo zu schützen.

„Allerdings ist in Japan die Familie immer noch ein Ort, an dem man sich gehen lassen, vom anstrengenden öffentlichen Alltag erholen kann. Die Familie schenkt jedem einzelnen Mitglied Halt und Sicherheit.“ (http://home.arcor.de/HinagikusPage/japan5.html)

So ist das doch auch in Deutschland, würden die meisten sagen.
Doch bedeutet Familie in Deutschland dasselbe wie in Japan?

Wenn ich von meiner Familie spreche, meine ich meine Eltern, meine zwei Geschwister und mich: zwei Generationen.
In Japan hingegen besteht die Familie aus mehr als nur zwei Generationen. Die Großeltern nehmen einen sehr wichtigen Platz in der japanischen Familienhierarchie ein, vor allem der Großvater.
Von ihm geht alles aus, er ist das Oberhaupt.
Das liegt zum einen darin begründet, dass männliche Nachkommen einer Familie sowieso eine Vorzugsstellung genießen, schließlich sorgen sie für den Erhalt der Ahnenreihe.
Zum anderen herrscht in Japan ein ganz anderes Verständnis von Alter als in Deutschland.
Während der gemeine Deutsche den Rentner als Belastung seines ohnehin schon leeren Geldbeutels sieht, wird der japanische Greis als Inbegriff der Weisheit angesehen.

Ob Shizuko Natsuki diesem Bild gerecht wird, kann man nur teilweise feststellen, da der Großvater schon im zweiten Kapitel sterben muss.
Doch immerhin bekommt man noch mit, dass er die Verantwortung dafür trägt, mit wem die weiblichen Mitglieder der Familie (um genau zu sein Chiyo) verheiratet werden.

„ ‚Worüber wollte Großvater mit dir sprechen?’ […] ‚Hauptsächlich ging es darum, dass wir uns langsam Gedanken machen müssten, wen ich heiraten würde wenn ich das Examen hinter mir habe’ “ (Natsuki 1991: 36)

In einer heutigen europäischen Familie undenkbar, selbst Sprösslinge eines Königshauses heiraten heutzutage aus Liebe, nicht mehr nur aus politischem Kalkül.

Und wie sieht es bei Murakami mit der Familie aus?
Auf den ersten Blick könnte man sagen, Murakamis Romane vernachlässigen das traditionelle Familienbild Japans.
Doch in ‚Mr. Aufziehvogel’ gibt es sehr wohl einige wenige Hinweise darauf.

Herr Honda ist das Beispiel für einen alten, ehrwürdigen Mann, dem viel Weisheit nachgesagt wird. Toru und Kumiko Okada verkörpern in Beziehung zu ihm den modernen Japaner, der an so etwas nur noch bedingt glaubt, es aber nicht mehr als selbstverständlich und unabänderlich wahr annimmt.

Noboru Wataya thematisiert die nach Geschlecht und Alter aufgebaute Hierarchie japanischer Familien. Als großer Bruder ist er die rechte Hand des Vaters und hat mehr Sagen als die eigene Mutter.

Gegenbeispiel ist May Kasahara. Sie macht was sie will, ihre Eltern scheinen für sie gar nicht zu existieren. Zumal in Japan die Bildung der Nachkommen das erste und einzige Gut ist, und mit einer fast unnatürlichen Gewissenhaftigkeit betrieben wird. May Kasahara aber hat die Schule geschmissen und sonnt sich lieber in knappen Bikinis auf dem Liegestuhl.

Auch Zimt und Muskat kann man als gegenteiliges Beispiel betrachten. Wenn überhaupt, ist eine Hierarchie nur mit der Mutter an der Spitze zu erkennen. Doch eher noch befinden beide sich in einem Einklang der Gleichberechtigung.

Diesen Aspekt er Familie – Hierarchisierung nach Geschlecht und Alter – findet man in europäischen Familien nur noch rudimentär.
Abgesehen davon, dass es heute unglaublich viele allein erziehende Mütter gibt, die keine andere Wahl haben als für die Familie zu sorgen, Geld zu verdienen und alles zusammen zu halten, ist die Rolle des Mannes in intakten Familien als Oberhaupt und ‚Familienvorstand’ in den Hintergrund geraten.
Frauen verdienen ebenso ihr Geld wie ihre Männer es tun. Die Kinder sind oftmals eher auf die Mutter ausgerichtet, ihr wird nicht einfach nur die Erziehung ‚überlassen’, sie stellt meist die erste Bezugsperson für ein Kind dar.
Auch der älteste Sohn musste sein Stellung an der Seite des Vaters einbüßen. In manchen Familien mag die Vorzugsstellung des Sohnes noch subtil vorhanden sein, doch allgemein betrachtet herrscht eine Ausgewogenheit der Geschlechter.

Nicht Alter und Geschlecht sind länger der Maßstab. Der Mensch an sich, sein Charakter, seine Persönlichkeit sind in den Vordergrund getreten.
Selbst im modernen Japan vollzieht sich ein Wandel in diese Richtung, allerdings ist der Hierarchisierungsgedanke dort noch so sehr verwurzelt, dass es noch nicht ganz so einfach ist, wie in Europa.

Buch:

Natsuki, S. (1991): Mord am Fujiyama.
Wilhelm Goldmann Verlag, München.

Quellen:

http://www.uchiyama.nl/Images/keizerfam2.jpg

http://www.wdr.de/themen/panorama/15/sinterklaas/_img/familie_400q.jpg

http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila/142_45868_rs_31420.jpg

Montag, Juni 12, 2006

Ein friedliches Dorf in Japan. Kinder spielen auf dem Platz, Bauern bestellen ihre Felder und alles scheint in bester Ordnung.
Mit einem Mal kommt Bewegung in den angrenzenden Wald. Ein offensichtlich riesiges Etwas bewegt sich rasend schnell auf die Idylle zu.
Je näher es kommt, desto größer und bedrohlicher wirkt es.

Plötzlich bricht es zwischen den Bäumen hervor.
Ein riesenhaftes Wesen, dass nur aus schleimigen, schwarz-roten Würmern und glühend roten Augen besteht, rast auf das Dorf zu. Auf seinem zerstörerischen Weg durch die Wiesen, wo es eine schwarze, verkohlte Spur hinterlässt, verändert das Monster mehrmals seine Form. Vom Käfer zur Spinne zum Wildschwein.

Prinz Ashitaka springt wagemutig auf seinen roten Elch Yakul und reitet dem Monster entgegen. Es gelingt ihm einen Pfeil direkt in eines der unheimlichen roten Augen zu schießen und somit das Monster zu Boden zu bringen und seine Schwester und die restlichen Dorfbewohner zu retten.

Doch der Kampf hat seine Spuren hinterlassen. Für einen kurzen Moment hatten die blutegelartigen Würmer Ashitakas Arm umwunden. An dieser Stelle ist nun ein schwarz-rotes Mal.
Noch geht es ihm gut, doch Ashitaka wird sterben, wenn er nicht das findet und tötet, was den Dämon zu einem solchen gemacht hat.
Und so beginnt seine Reise in den großen, magischen Wald. Zu Wölfen, Wildschweinen, Dämonen, Waldgeistern und dem „forest spirit“.

Es ist eine spannende, dramatische und seltsam magische Geschichte in der viel Blut fließt und viele übernatürliche Dinge vor sich gehen.
Es ist die Geschichte vom immer wieder thematisierten Kampf zwischen Menschheit und Natur, zwischen Normalsterblichem und Übermenschlichem, zwischen Liebe und Hass.

Es geht um etwas Fremdes, dass in eine alte Ordnung eintritt und sie zum Bösen wendet. Hier durch eine Kugel dargestellt, die ein Wildschwein des im großen Wald ansässigen Wildschweinstammes zu dem schwarz-roten Blutegel-Dämon werden ließ.

Und hier drängt sich der Zusammenhang zu den von Jörg Buttgereit vorgestellten Filmen förmlich auf. In den Trailern konnte man mehr als einmal sehen, dass Godzilla – in welcher Form auch immer – nicht einfach ein Monster ist, das auf einmal da war. Nein, er erscheint aufgrund menschlichen Fehlverhaltens.
Sei es das Abgas- bzw. Müllmonster, oder in Anspielung auf Frankenstein vom Menschen selbst erschaffene Kreaturen, oder aber die Mutation eines eigentlich harmlosen Wesens durch menschliches Einwirken.

Und Murakami?
Auch hier findet man Verbindungen, wenn auch wesentlich weniger offensichtliche.
In „Wilde Schafsjagd“ gibt es den im Inneren ausgetragenen Kampf zwischen dem Schaf mit dem Stern auf dem Rücken und nacheinander drei Männern, bis einer es schließlich besiegen kann.
Hier siegt das Normalsterbliche über das Übernatürliche.

Auch in „Mr. Aufziehvogel“ gibt es Übernatürliches und Dämonisches. Es ist dieses Etwas, das z.B. in Kreta Kano haust.
Und es sind diese Übergänge Toru Okadas in eine andere Welt, in die Traumwelt, die aber doch sehr real scheint.
Und es ist in gewisser Weise auch Boris der Menschenschinder, der getreu seinem Namen die unmenschlichsten, zum Tode führenden Foltermethoden an ihm im Wege stehenden Menschen ausführen lässt.
Es ist auf jeden Fall Noboru Wataya: er bringt alles durcheinenander. Das Leben der Okadas, das Leben Kreta Kanos und auch das seines Sekretärs.

So sehr ich beim Lesen der Bücher auch erst dachte, die Geschichten könnten genau so gut in jedwedem europäischen Land oder in den USA spielen, so sehr würde ich das nun verneinen.
Indem die Erzählungen in Japan angesiedelt sind, kann ich den Inhalt und die Vorkommnisse als selbstverständlich hinnehmen, weil derlei Dinge einfach in der japanischen Kultur verankert sind. Übernatürliches, Dämonisches, Magisches und immer wieder die Verarbeitung des Atombombentraumas.
In einem anderen als einem japanischen Plot würde eine solche Thematik eher lächerlich wirken.

Bei Murakami passt es ganz einfach.



Da ich ganz offensichtlich keine Bilder mehr hochladen kann, stell ich einfach nur die links rein:

http://ia.imdb.com/media/imdb/01/I/15/75/43m.jpg

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Montag, Juni 05, 2006

Von Katzen, Fischen und Freiseelen

Katzen sind Kult. In Europa und in Japan.
In meiner Familie und in Murakamis Romanen.
Doch dieser Kult wird überall anders praktiziert.
Murakamis Katzen heißen wie Fische: Oktopus oder Bückling. Sie haben abgeknickte Schwanzspitzen und haben für ihre Besitzer mehr Bedeutung als einfach nur „Haustier“.
Klar, mein Kater, der eigentlich Toulouse heißt, den ich so aber nie nenne, ist für mich auch mehr als nur ein Haustier. Aber er bedeutet für mich etwas anderes als der Kater Noboru Wataya, der spätere Oktopus, für Kumiko und Toru Okada. Oder aber Bückling für den Protagonisten aus „Wilde Schafsjagd“.
Mein Katerle ist sowas wie ein Kumpel für mich, bleibt dabei aber immer noch Kater. Wenn ich genug von ihm hab, setz ich ihn einfach vor die Tür.
Das würde Murakamis Figuren wahrscheinlich niemals auch nur entferntesten einfallen. Deren Kater sind Verwandte, mit ihnen verbundene Seelen.
Wie sonst lässt sich erklären, dass mit Kater Noboru Watayas Verschwinden etwas in Kumiko ausgelöst wird, warum sonst sollte sie so sehr darauf beharren, ihn wiederzufinden?
Warum sonst instruiert der namenslose, junge Mann aus „Wilde Schafsjagd“ einen eigentlich völlig fremden Menschen derart detailliert, wie er während seiner Abwesenheit den altersschwachen Kater zu umsorgen hat?
Diese Kater sind Teil der Menschen, ohne ihre Kater fehlt ihnen etwas ganz Bedeutendes, aber im Prinzip Unbenennbares.
Aber dieses Etwas sind sie nicht von Anfang an, sie werden erst dazu. Dafür spricht auch die Tatsache, dass beide Kater anfangs keine Namen haben und schlicht 'Kater' genannt werden. Im Laufe der Romane entwickeln sie Persönlichkeit (eher in Aufziehvogel als in Schafsjagd), gewinnen an Bedeutung und: bekommen einen Namen.

Als mein erster Kater starb war ich sehr traurig. Doch nach schon sehr kurzer Zeit konnte ich darüber nachdenken, mir einen neuen Kater zuzulegen. Das ist wohl auch so ein Unterschied: ich lege mir einen Kater zu, wie ich mir eine neue Hose kaufe, oder die Milch, die ich für den Kaffee brauche. Murakamis Kater werden in bedeutsamen, unvergesslichen Momenten gefunden und liebevoll aufgenommen. Als wären sie das Ergebnis einer langen Suche nach Etwas, das die Suchenden selbst noch nicht kennen – eine zweite Seele?